Projet Nudité - Kindliche Körperscham und familiale Schamregeln

In Kindliche Körperscham und familiale Schamregeln (PDF-Format, 363 KB) untersucht Prof. Dr. Bettina Schuhrke "das Beziehungsgefüge zwischen dem Auftreten von kindlicher Scham und dem elterlichen Umgang mit Intimsituationen. Die zentralen Fragen dabei sind, an welchen Indikatoren Eltern das Auftreten von Körperscham festmachen, wie Schamsituationen aussehen, in welchem Alter sie auftreten, wo Eltern Grenzen ziehen und wie Schamepisoden bewältigt werden." [5: in Klammern stehen die Seitenummern]

+Allgemeine Erkundung des Schamgefühls

+Gründe der Körperscham

Schuhrke umschreibt Körperscham als "ein Zudecken, Verschleiern, Verbergen des eigenen Körpers."[10] Dafür könne es mehrere Beweggründe geben. "Zum einen kann der Körper einem Gefühl der Minderwertigkeit verborgen werden, weil er den in bestimmten gesellschaftlichen Teilgruppen propagierten Attraktivitäts- und Leistungsstandards nicht entspricht.[...] Zum anderen wird das Verbergen von sozialen Regeln geleitet, und der Einzelne will die in seiner Gruppe geltenden Regeln einhalten, um seinen Status als Gruppenmitglied nicht zu gefährden." Sie zeigt auf: "Welche Teile des Körpers von wem, in welcher Situation und in welcher Form vor anderen präsentiert werden dürfen oder nicht, unterscheidet sich beträchtlich zwischen verschiedenen Kulturen und ist auch historischen Wandlungen unterworfen." [10] Sie nennt Elias den beschreibt wie seit dem Mittelalter im Westeuropa zunehmend Fremdzwänge in Selbstzwänge umgewandelt, und immer weitere Bereiche der Körperlichkeit schambesetzt wurden, d.h. aus der Öffentlichkeit verdrängt und einem privaten Bereich zugeordnet.

Innerhalb der Familie kann man weitgehend intim mit einander sein, sowohl körperlich als emotional, jedoch gibt es auch hier Teilbereiche aus der die Kinder ausgegrenzt sind, z.B. die sexuelle Elternbeziehung. Ein Mindestmass an körperlicher Zurückhaltung, vor allem die Genitalscham und das schamhafte Verbergen des Geschlechtsverkehrs, ist zu allen Zeiten allen Kulturen zu Eigen gewesen. Ob dies biologischen oder kulturellen Grundlagen unterliegen ist, bleibt leider veborgen. "In biologischen Theorien dient die Genitalscham der Kontrolle der auf andere ausgestrahlten sexuellen Reize und der Rückzug beim Geschlechtsverkehr dient dem Schutz vor Angriffen in einer Situation, in der Personen wehrlos sind."[11]

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+Bereiche der Körperscham

Körperscham ist weitgehend sexuelle Scham und betrifft heute in den westlichen Kulturen "die Sichtbarkeit der Sexualorgane und der Ausscheidungen und der Handlungen, die mit ihnen assoziiert werden", sowie "der Geruch des Körpers bzw. einiger Ausscheidungen und typische Geräusche, die mit körperlichen Funktionen und körperbezogenen Handlungen einhergehen." "Das körperbezogene Schamgefühl gebietet sicher eine Kontrolle der Wahrnehmbarkeit des Körperlichen und der Berührungen durch andere.[...] Auch bei einer Kontrolle der Berührungen geht es vor allem um die Sexualorgane."[11]

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+Aspekte des Schamprozesses

+Einführung

Wodurch wird die Einhaltung sozialer Regeln als Individuum gewährleistet? Schuhrke antwortet, es sei durch die "negativen selbstbewertenden Emotionen[..], zu denen meist Scham, Verlegenheit, Peinlichkeit und Schuld gerechnet werden. Das Individuum wird durch sie in einem abweichenden Verhalten gebremst bzw. zur Besserung verpflichtet."[12]

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+Scham

"Scham kann auftreten, wenn eine Person für sich oder andere, mit denen sie sich zumindest vorübergehend als zusammengehörig erlebt (z. B. eine Gruppe von Restaurantbesuchern, oder die eigene Familie), eine Regelübertretung oder ein Nichteinhalten von Gütestandards wahrnimmt. Für das Auftreten von Scham ist eine Öffentlichkeit ausschlaggebend, die zumindest potentiell die Übertretung bewerten könnte. Doch müssen diese anderen Personen nicht leibhaftig anwesend sein. Auch in Situationen, in denen eine Person allein ist, kann Öffentlichkeit jederzeit in der Vorstellung vorhanden sein. Für die Körperscham könnte das bedeuten, dass man sich in manchen Fällen auch in scheinbar privaten Situationen nicht von den Regeln lösen kann, die für den öffentlichen Bereich gelten, z. B. nicht seine Genitalien zu berühren.

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+Paralysierung

Im Zustand der Scham ist das Selbst paralysiert, denn das Individuum nimmt in diesem Moment eine globale Selbstaburteilung vor. Sprache und Gedanken sind blockiert. Das Erleben ist gekennzeichnet vom Wunsch des Verschwindens, des Versteckens, und dem kommt der entsprechende nonverbale Ausdruck entgegen: Niedergeschlagener oder abgewendeter Blick, gesenkter Kopf, eingesunkener Oberkörper sind die am übereinstimmendsten genannten Merkmale. Ein echter mimischer Ausdruck fehlt. Erröten ist kein besonders typisches Merkmal von Scham, denn es tritt auch in Verbindung mit anderen selbstbewertenden Emotionen auf und ist insgesamt sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen ein eher seltener Begleiter selbstbewertender Emotionen.[12]

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+Peinlichkeit

Auch Peinlichkeit wird in der wissenschaftlichen Literatur häufig in Zusammenhang mit Verletzungen von Regeln der Körperpräsentation genannt. Sie wird meist als ein weniger intensives und kürzer andauerndes Gefühl aufgefasst. Entsprechend scheinen auch die Ausdrucksmerkmale abgeschwächt: kein Zusammenfallen des Körpers, keine Unterbrechung der Sprech- und Denkfähigkeit, aber schneller Wechsel der Blickrichtung und ein spezifisches Lächeln, bei dem der Blickkontakt abgebrochen wird, bevor das Lächeln seine stärkste Ausprägung erreicht. [12-13]

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+Verlegenheit

Verlegenheit entsteht bereits durch bloße Aufmerksamkeit, ein Hervorgehobensein, ohne dass man sich einer Verletzung von Regeln oder Standards bewusst wäre. Die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu spüren, mag allerdings dazu führen, dass man sich fragt, was der andere wohl von einem denken mag oder wie er einen bewerten mag, auch hinsichtlich körperlicher Aspekte.[13]

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+Schuld

Anders als bei Scham wird bei Schuld nicht das eigene Selbst global beurteilt, sondern eine spezifische Handlung. Dadurch bleibt die Person eher handlungsfähig als bei Scham. Gefühle der Schuld werden oft im Zusammenhang mit Handlungen genannt, bei denen andere geschädigt wurden. Sie sind mit Verantwortungsübernahme, Bedauern und dem Wunsch nach Wiedergutmachung verbunden. Öffentlichkeit ist nicht zwingend charakteristisch für Schuld, auch wenn Öffentlichkeit verstärkende Wirkung auf Schuldgefühle ausüben kann."[13]

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+Das Ziel der selbstwertenden Emotionen

"Hat ein Individuum gegen soziale Regeln verstoßen und andere erkennen bei ihm den entsprechenden Ausdruck, der auf Scham, Peinlichkeit oder Schuld hinweist, kann es sich sicher sein, wieder von der Gemeinschaft akzeptiert zu werden. ,Schamlosigkeit' führt dagegen zu verstärkter Ablehnung."[13]

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+Scham-Angst und Schamhaftigkeit

Oft kann man eine Schamsituation mittels eines Signals, das vor deren Auftreten warnt, meiden oder die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer peinlichen Situation verringern, und sich z.B. zurückziehen in eine Umkleidekabine. Der Psychoanalytiker Wurmser nennt das "Scham-Angst". "Schamhaftigkeit" bezeichnet Wurmser mit "einer Art Ehrgefühl, einer Reaktionsbildung, einem vorbeugenden Sich-Verbergen, aber auch einer Zurückhaltung, die Zudringlichkeit gegenüber anderen verhindert." Schuhrke spricht hier vom "Schamgefühl". [14]

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+Schamskripte und Kulturen

"Individuen bauen im Laufe ihrer Entwicklung Skripte (Gewohnheiten) auf, die ein ganzes Drehbuch für den Ablauf von Schamereignissen liefern. Ein solches prototypisches Skript für Körperscham spezifiziert die Bedingungen, unter denen es zu Scham kommen sollte, das Aussehen der akuten Schamreaktion und Prozesse, die der Bewältigung bei eingetretener Scham dienen können. Im Kern geht es bei den auslösenden Bedingungen von Körperscham eigentlich immer darum, dass bestimmte Körperregionen von anderen berührt werden. Um diesen Kern herum haben sich aber die für bestimmte Kulturen oder Teilkulturen spezifischen sozialen Regeln zur präventiven Vermeidung von Körperscham gebildet, z.B. alle möglichen Formen von Bekleidungsregeln, Regeln für den Rückzug bei bestimmten Handlungen usw. Die nicht ordnungsgemäße Anwendung der präventiven Maßnahmen kann nun selbst schon wieder Auslöser von Peinlichkeit werden, z.B. der nicht geschlossene Reißverschluss einer Hose."[14]

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+Entwicklung der Scham

+Das erste Auftreten der Emotion Scham

"Selbstbewertende Emotionen können nur auftreten, wenn ein Kind über objektive Selbsterkenntnis verfügt, d.h. zunächst einmal, dass es aus dem subjektiven Erlebensstrom heraustreten und sich selbst zum Gegenstand von Betrachtungen und Bewertungen machen kann. Dies beginnt in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres. Zunehmend wird sich auch die Fähigkeit verbessern, sich in die Sichtweise anderer Personen hineinzudenken und einzufühlen. Das Kind kann damit die Bedürfnisse anderer erkennen und die Bedeutung seines Handelns für andere. Außerdem wird es sich selbst als Gegenstand der Bewertung durch andere wahrnehmen können. Selbstbewertenden Emotionen erfordern auch die Fähigkeit, Ursachen von Ereignissen und die Absichtlichkeit oder Unabsichtlichkeit von Verhalten einzuschätzen. Schließlich kann eine Bewertung des eigenen Tuns nur dann erfolgen, wenn ein Kind Regeln und Standards überhaupt verstehen und seine Aktivitäten daran messen kann."[15]

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+Scham bei sehr jungen Kindern (<2 Jahre)

Regelmäßig finden Studien auch Scham und Peinlichkeit bei sehr jungen Kindern (<2 Jahre). Wie kann das sein? "Dazu ist es notwendig, das tatsächliche Verhalten anderer Personen als Auslöser von Scham und Peinlichkeit zu betrachten. Bei frühen Schamreaktionen könnte der Prozess des "social referencing" eine wichtige Rolle spielen, der bereits am Ende des ersten Lebensjahres nachgewiesen werden konnte. In neuartigen Situationen oder in Konflikthaften Situationen, in denen z.B. Verbote angesichts eines interessanten Spielzeugs ausgesprochen werden, suchen Kinder emotionale Signale ihrer Bezugspersonen und regulieren ihr Verhalten entsprechend."[16] Bei einem (wiederholten) negativen Feedback der Bezugspersonen, würde das Kind anfangen, dieses zu antizipieren, "und schließlich auch in Abwesenheit dieser signifikanten anderen, die damit zum internalisierten Publikum geworden sei. Natürlich behält die emotionale Komponente in der tatsächlichen oder antizipierten Reaktion anderer Personen auch später Bedeutung."[16]

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+Familie und Körperscham

+Einleitung

Schuhrke ist der Meinung, dass "es in jedem Fall einer Beeinflussung durch die Umwelt bedarf, um die vielfältigen Ausprägungen der Körperscham weiterzugeben oder zu verändern, die sich nicht nur in verschiedenen Kulturen zeigen, sondern auch innerhalb dieser in Subkulturen, Schichten, Gruppen, Familien und Personen." [17] Die Vermittlung der Körperschamregeln innerhalb der Familie kann sehr verwirrend sein für Kinder, weil sie situationsgebunden ist.

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+Schichtunterschiede

Einigen Studien nach, gibt es sicher Schichtunterschiede in der Sozialisation von Körperscham. Generell sind Unterschichtmütter (also Mütter der sozial unteren Gesellschaftsschichten) restriktiver in der Kontrolle der kindlichen Körperscham als Mittelschichtmütter. "In der Ober- und Mittelschicht versuchen Mütter die aufkeimende Sexualität eher durch einen relativ offenen Umgang zu neutralisieren. Den Kindern soll vermittelt werden, dass man zwar die Bekleidungsvorschriften einhalten muss, sich grundsätzlich aber für seinen Körper nicht zu schämen braucht. Unterschichtmütter versuchen Sexualität dagegen zu unterdrücken. Die kindliche Neugier wird als verdächtig, als dunkle Macht betrachtet, die es zu kontrollieren gilt, und bei den Kindern werden Schuldgefühle erzeugt"[17]

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+Das Alter und die Scham der Eltern

Im Allgemeinen haben ältere Eltern konservativere Einstellungen hinsichtlich der kindlichen körperlichen Zurückhaltung. Dabei gilt aber auch, dass ältere Eltern auch ältere Kinder haben, und Eltern älterer Kinder zurückhaltender sind als die jüngerer Kinder. Wenn man aber nur die Eltern erstgeborener Kinder betrachtet, sind es eher "die Familien, in denen die Eltern bei der Geburt ihres Kindes bereits ein relativ hohes Alter aufweisen, in denen Kinder und Eltern sich am wenigsten schamhaft zeigen." Weiter trefft man eine größere Schamhaftigkeit bei den spätergeborenen, weil sie mit Geschwistern konfrontiert sind, "die bereits selbst ein bestimmtes Maß an Schamhaftigkeit entwickelt haben und mit Eltern, die aufgrund des höheren Alters ihrer ersten Kinder bereits wieder erhöhte Schamhaftigkeit zeigen."[17-18] Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Eltern sich am meisten schämen, wenn sie von Kindern des anderen Geschlechtes nackt gesehen werden.

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+Scham in verschiedenen Kulturen

"Von verschiedenen Völkern werden Annahmen über eine frühere Schamhaftigkeit bei einem der Geschlechter berichtet, allerdings nicht eindeutig zugunsten eines Geschlechtes. [...] Angaben zum Einsetzen von Scham in verschiedenen Kulturen liegen zwischen 5 Jahren und der Pubertät."[18]

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+Konklusion

"Eingangs wurde die Motivation zur Körperscham einerseits dem Wunsch zugeschrieben, als wenig attraktiv oder leistungsfähig empfundene Teile seiner selbst zu verbergen, andererseits dem Wunsch, sich als anerkanntes Mitglied einer Gruppe zu erweisen, das bestimmte Regeln der Körperscham vertritt. Häufig mag es dazu kommen, dass mit Körperscham belegte Teile auch zu ,hässlichen' Teilen werden. Für Körperteile, die sehr früh und situationsbedingt durchgängig verborgen werden müssen, erfährt ein Kind keine Rückmeldung durch andere, wird unsicher über ihren Wert, was wiederum die Notwendigkeit verstärken könnte, sie zu verbergen." Kindliche Scham tritt verstärkt bei den Kindern auf, bei denen auch auf richtiges Verhalten nicht mit positiven Rückmeldungen geantwortet wird."

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Quelle: Schuhrke, B. [ unter Mitarbeit von Rank, A., Stadler, A., Pinz, D. & Hildner, B.] (1998). Kindliche Körperscham und familiale Schamregeln. Eine Studie im Auftrag der BZgA/Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. 7. unveränderte Auflage, Köln 2003: BZgA.